Klimaneutralität bei Spielzeug: Anna Alex spricht im Fachgruppen-Meeting über ihr CO2-Startup Planetly

Wer die einschlägigen Mitteilungen der Branchenpresse verfolgte, kam im April 2021 um eine Mitteilung nicht herum: Spielzeug-Gigant Mattel kündigte an, bis 2020 ausschließlich nachhaltige Materialien in Produkten und Verpackungen zu verwenden. Als Appetizer präsentierte das Unternehmen sogleich einen Tesla Roadster als Matchbox-Auto, welches schon jetzt zu 99% aus recycelten Materialien besteht. Ein klimaneutrales Produkt, offiziell attestiert von einem auf CO2-Zertfizierungen spezialisierten Beratungsunternehmen aus den USA.

Mattel auf dem Weg zur Klimaneutralität?

Wie ernst meint es der internationale Großkonzern mit einer globalen Lieferkette und hauptsächlicher Herstellung in Fernost mit dieser Ankündigung? Schnell wittert man einen neuerlichen Fall von Greenwashing, wie man ihn zurzeit recht häufig bei Unternehmen aus der Konsumgüterbranche vorfindet. Liest man die Presse-Mitteilung jedoch ein zweites Mal, so wirkt es, als hätte Mattel tatsächlichen einen Masterplan in der Tasche, um sich dem Ziel Klimaneutralität in den nächsten 10 Jahren zumindest anzunähern.

Grund genug für uns als Fachgruppe Holzspielzeug, dieses Thema einmal näher zu beleuchten. Schließlich ist die Holzspielzeug-Branche allein schon wegen des nachwachsenden Werkstoffs nachhaltiger unterwegs als Produzenten von Kunststoff-Spielzeug. Doch reicht dies aus, um auch zukünftig von Verbraucher*innen als nachhaltig wahrgenommen zu werden? Braucht es, wie im Fall von Mattel, ein offizielles CO2-Zertifikat? Was heißt das genau? Wer prüft das, und vor allem wie?

Planetly ermittelt den CO2-Footprint

Mit dieser Frage wandten wir uns an Anna Alex, Gründerin des 2019 gestarteten Unternehmens Planetly aus Berlin, welches sich auf die Ermittlung des CO2-Footprints von Unternehmen spezialisiert hat. Anna Alex ist Kennern der Berliner Startup Szene vor allem als Gründerin des Männermode-Unternehmens OUTFITTERY ein Begriff, welches sie zum Marktführer im Bereich Personal Shopping mit rund 450 Mitarbeitern entwickelte, bevor sie sich Ende 2018 aus der operativen Geschäftsführung zurückzog. Ihr neues Unternehmen will es Unternehmen ermöglichen, ihren CO2-Verbrauch zu analysieren, zu reduzieren und auszugleichen und so klimaneutraler zu werden. Wir haben uns daher sehr gefreut, als sie zusagte, in unserem digitalen Fachgruppen-Treffen Ende Juni 2021 ihr Unternehmen und den gegenwärtigen Stand der Thematik vorzustellen.

Als Standard für die Berechnung des CO2-Fußabdrucks nutzt Planetly das Greenhouse Gas Protocol, welches als verbreitetster Standard zur Erstellung von Treibhausbilanzen gilt. Dieses gliedert Emissionen in drei Kategorien:

  1. Die direkt vom Unternehmen erzeugten Emissionen zur Erzeugung der selbst genutzten Energie
  2. Indirekte Emissionen aus der Erzeugung von zugekauftem Strom, Dampf, Wärme und Kälte, die vom berichtenden Unternehmen verbraucht werden
  3. Alle anderen indirekten Emissionen, die in der Wertschöpfungskette eines Unternehmens auftreten

Nur wer messen kann, kann managen

Schnell wird deutlich, dass Anna Alex vor ihrer Zeit bei Planetly bereits ein Unternehmen aufgebaut hat, in welchem Daten das wichtigste Firmen-Asset waren. Keine unübersichtlichen Excel-Liste und PDF-Printouts, sondern ein übersichtlich gestaltetes CO2-Cockpit hilft Unternehmen dabei, ihre Emissionen möglichst detailliert zu erfassen, zu analysieren und laufend zu aktualisieren. So ergibt sich kein CO2-Snapshot, sondern eine lebende CO2-Bilanz mit allen relevanten Emissionstreibern.

Hat man einen Überblick über die eigenen Emissionen, gibt es nun zwei Möglichkeiten:

  1. Reduzieren oder
  2. Ausgleichen

Erstere ist die deutlich effizientere: Jede Emission, die eingespart wird, wirkt sich unmittelbar positiv auf unsere Umgebung aus. Ist eine signifikante Reduktion im ersten Schritt nicht möglich, bietet Planetly ein umfangreiches Instrumentarium an Kompensationsmaßnahmen, beispielsweise Baumpflanzungen, Moor-Renaturierungen oder die Förderung von Projekten zur CO2-Bindung.

Kompensation als ökologischer Ablass-Handel?

Über diese Art von Kompensation wird derzeit heftig diskutiert: Kritiker monieren, die Förderung von Ausgleichsmaßnahmen sei eine Art ökologischer Ablasshandel und diene hauptsächlich dazu, das grüne Gewissen von Unternehmen zu beruhigen und den Verbraucher*innen eine schöne grüne Welt vorzugaukeln. Auch Anna Alex macht keinen Hehl daraus, dass dieses Problem existiert. Hier wird der Bruch zwischen dem stark wachsenden Markt der CO2-Bilanzierung und der unternehmerischen Realität deutlich: In fast allen Unternehmen fehlen schlichtweg die Tools, um den CO2-Fußabdruck zu erfassen und zu managen. Je einfacher dies wird, umso mehr wird Reduktion zu einer echten Alternative, die nicht nur gut für unsere Umwelt, sondern auch für Unternehmen finanziell attraktiv ist. Die Nachfrage ist jedenfalls da: Planelty hat seit Oktober 2021 die Grenze von 100 Mitarbeitern überschritten und stellt sich, sehr wahrscheinlich mit Unterstützung von Investor*innen, auf weiteres signifikantes Wachstum ein.

Was bedeutet das Ganze für die Spielwarenbranche?

Wir sehen, dass einige Firmen (auch in Deutschland) den Weg zur Klimaneutralität eingeschlagen haben und sich dies durch offizielle Zertifikate mit entsprechenden Siegeln bestätigen lassen. Der Eindruck ist, dass hier wie bei vielen anderen Siegeln ein gewisser Wildwuchs vorherrscht, der die Verbraucher*innen fragend zurücklässt. In unseren Augen lohnt sich eine Zertifizierung zurzeit einerseits deswegen, weil Einkäufer*innen – und auch öffentliche Beschaffer*innen – ihre Lieferant*innen vermehrt nach dem Kriterium Nachhaltigkeit aussuchen. Andererseits bietet ein Siegel auf der Produktverpackungen einen klaren USP bei Verbraucher*innen, die gezielt nach CO2-neutralen beziehungsweise nachhaltigen Spielwaren suchen.

Herausforderung liegt in der Darstellung

Jedes Unternehmen muss selbst entscheiden, ob eine Investition in eine CO2-Bilanzierung notwendig ist. Ist man schon nachhaltig unterwegs, sollte man dies auch unabhängig von eventuellen Siegeln oder Zertifikaten darstellen. CO2-Zertifikate könnten sich jedoch zu einem Hygiene-Faktor entwickeln, auf den zukünftig nicht mehr verzichtet werden kann. Es lohnt sich in unseren Augen also, das Thema weiter im Auge zu behalten. Die Herausforderung für die bereits sehr nachhaltig wirtschaftende Holzspielzeug-Branche wird in Zukunft darin bestehen, sich gegen größere und mit üppigen Kommunikations-Budgets ausgestattete Player zu behaupten und sich bei diesem ureigenen Thema nicht die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Hier hilft nur eins: Tue Gutes, und rede darüber! Wir werden das Thema in der nächsten Zeit gezielt aufgreifen und zeigen, wie die Mitglieder der Fachgruppe Holzspielzeug das Thema Nachhaltigkeit schon heute im Sinne der 17 Nachhaltigkeitsziele der vereinten Nationen umsetzen.

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